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Linda Wilken

„Autorin des Jahres“ 2001

weitere Autoren des Jahres...

1. Zur Person

2. Der Falter

3. Lobrede von Christian Melsa

1. Zur Person

„Ich heiße Linda Wilken. Zur Zeit lebe ich in einem kleinen emsländischen Dorf mit 1300 Einwohnern. Ich gehe in die 11. Klasse des Gymnasiums, mache aber gerade ein Praktikum bei dem örtlichen Lokalblatt. Dort gefällt es mir sehr gut und ich könnte mir durchaus vorstellen, nach dem Abitur Journalismus zu studieren, da ich mich schon immer sehr für diesen Beruf interessiert habe.

Ich schreibe, seit ich denken kann. Angefangen hat es damit, daß ich als Kind Bücher oder Filme (eigensinnig wie ich bin) umgeschrieben habe, falls mir der Schluß nicht gefiel. Mit der Zeit begann ich aber, mir selbst Geschichten auszudenken.

Richtig ernst wurde die Sache aber erst vor drei Jahren, als ich die Lyrik für mich entdeckte. Damit wurde mir die Möglichkeit gegeben, Bilder in meinem Kopf in Worte zu fassen und meiner Liebe zur Sprache und zur Reflexion Ausdruck zu verleihen.

1999 und 2000 nahm ich am Wettbewerb „Treffen junger Autoren“ in Berlin teil. Dort scheiterte ich allerdings, und ich spielte schon mit dem Gedanken, das Schreiben an den Nagel zu hängen. Gottseidank habe ich das nicht getan, und wie man sieht, hat es sich gelohnt...

Das habe ich nicht zuletzt meinen Freunden und Joachim Lass zu verdanken, die mich immer wieder ermutigt haben weiterzumachen, wenn ich mit meinen Texten auf schlechte Kritik stieß.

Ich hätte niemals damit gerechnet, zu den Gewinnern zu gehören, denn neben mir und den anderen Preisträgern sind auf „Abenteuer-Literatur“ viele genauso talentierte Autoren zu finden.

Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung, bedanke mich bei der Jury und sehe dies als Ansporn, auf alle Fälle weiterzumachen.“


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2. Der Falter

Von Linda Wilken

Der Falter

Eines Abends
im Dezember,
– es duftete schon nach Tannengrün –
als ich das Küchenfenster schloß,
sah ich einen Falter.
Er stemmte seine Flügel
mit all seiner Kraft
gegen das Fensterglas,
auf der Suche nach Licht
und Freiheit.
Er hatte blaue Punkte.

Was tat er hier?
Seine Zeit war abgelaufen.
Vorbei der Sommer,
die mit Surren und Düften
angefüllte Luft.
Mückentänze in der Dämmerung.

Er war ein übriggebliebener,
ein Eremit,
eine zu Fleisch gewordene Erinnerung,
die verzweifelt mit den Flügeln schlug.
Voller Entsetzen
über seine Einsamkeit.
So, als wüßte er:
Er gehörte nicht hierher.

Ich sah ihn an,
versuchte, mich ihm zu nähern.
Doch da schlüpfte er schon durchs Fenster,
das zerstreut zu schließen ich vergaß.

Ich beobachtete ihn
durch das milchige Glas,
wie er über den Schnee flatterte.
Ein zögerndes Zittern,
ein Entdecker der Winternacht,
der erste seiner Art.
Wie verwundert
über diese fremde Welt,
für die er nicht geschaffen war.

Ich verlor ihn aus den Augen,
legt mich schlafen
und träumte vom Sommer.

Am nächsten Morgen,
irgendwo
ein bunter Fleck
im weißen Schnee.
Nichts weiter.

Doch unermeßlich reich
im Wissen.


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3. Lobrede von Christian Melsa

Jemand, der versucht, eine Sprache, in der er nicht wirklich zu Hause ist, so zu sprechen, als ob er das wäre, so tun will, als ob er das könne, der fällt damit schnell etwas peinlich auf. Der Versuch wirkt meist linkisch, das Ergebnis sperrig, das Verhalten maskenhaft, anbiederisch. Der authentische Fluß einer Sprache – oder sei es eine Subsprache, ein Slang, ein Dialekt – kann nur harmonisch klingen, wenn Wortwahl, Satzbau, Rhythmus, all die Elemente, aus denen sich Sprache aufbaut, mit feinem Nerv wohlgesetzt sind.

Bewußt oder unbewußt, das spielt dabei gar keine Rolle. Gedichte nun zu verfassen, ist ohnehin schon ein Balanceakt zwischen Leichtigkeit und Ernst, zwischen Spiel und Schwere, doch ihn mit Grazie zu vollführen, ist um so kunstvoller. Den Weg übers Drahtseil der zart schwingenden Gefühlssaite über die Tiefe des Unsagbaren zu finden, die Spannung zu halten und darauf einen ballettesk erzählenden Tanz darzubieten: in der Manege von www.abenteuer-literatur.de hatte ich das Vergnügen, Artistin Linda Wilken dabei zuschauen zu dürfen.

Die lyrische Sprache beherrscht die junge Dame so sicher, daß ich zu der Annahme neige, sie sei in Lyrien aufgewachsen. In meinem geistigen Ohr schillern die Verse aus ihrem geistigen Munde schlicht zum Begeistern, ihre Worte sitzen so angegossen an die Form der träumerisch anmutenden Gedanken und Gefühle, die sie umschreiben, man kommt gar nicht auf die Idee, sich geeignetere einfallen lassen zu können, zumal im Rahmen der Komposition, mit denen sie daherkommen.

So türmen sich die Worte zu Gebäuden wohlproportionierter Architektur, die trefflich das Thema des Gedichts zu einem geschlossenen Ganzen verdichten - ein guter Dichter rückt seine Gedanken dem Leser dichter, so dicht, daß er sich mit ihm gedanklich unversehens eins fühlen kann, von den Worten so verzaubert, in sie so versunken, daß man dabei das Lesen fast vergißt.

Der Anschein des krampfhaft Gewollten, Hingebogenen, Imitierten, der viele Amateurgedichte begleitet, er macht sich bei Wilkens Werken durch Abwesenheit bemerkbar (obschon sie ja gewissermaßen bereits Semiprofi ist, angesichts der Veröffentlichungen, von denen sie berichtet). Die Zeilen kaskadieren wie wunderschön gestaltete Gedankenflüsse dahin, glitzern in der Sonne eines wunderbar empfindsamen Gemüts.

Diese Sprache ist einfach: schön. Ein schlichtes Wort, eine schlichte Wahrheit. Ich harre neugierig dessen, was Frollein Wilken künftig noch hervorbringen wird und hoffe zutiefst, daß die Ausdrucksfülle ihrer Sprache nicht in der Trottroutine eines womöglich allzu profanen Journalistenberufs verkümmern wird. Meine Berufsempfehlung wäre: Schriftstellerin.

 

 
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