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Von Frank Fehlberg Die Aufregung kommt zu spät. So sieht der Schriftsteller Peter Schneider die Bemühungen von Sprachschützern, welche derzeit mit mahnendem Ton und wachsender Lautstärke versuchen, das Thema Sprache in die breiten Volksmassen zu tragen. Anlaß der Aufregung sind in erster Linie die sich inflationär vermehrenden Anglizismen besonders in der deutschen Sprache, aber auch in anderen europäischen Idiomen. Zum zweiten gerät die Dominanz des Englischen in Wissenschaft, Technik, Politik und Wirtschaft zunehmend in die Kritik. Es mag sein, daß die Aufregung ein wenig spät kommt, doch sie regt sich berechtigt. Die wirtschaftliche Bedeutung der Europäischen Union wird derzeit durch die bevorstehende Euroeinführung wieder in aller Munde diskutiert. Andere Aspekte des europäischen Miteinanders geraten dabei in das Abseits, obwohl gerade von ihnen ein wirkliches Zusammenwachsen der Europäer abhängt. Einer dieser Aspekte ist die europäische Sprachenvielfalt, die das Thema des von EU-Kommission und Europarat erklärten Europäischen Jahres der Sprachen 2001 ist. Erstes Ziel des Aktionsjahres ist die Förderung des Sprachenlernens, welches zur Verständigung und somit für ein besseres Verständnis der europäischen Nachbarn unabdingbar ist. Neben dem bloßen Sprachenpauken sei auch die Vertiefung des Bewußtseins für die Bedeutung der sprachlichen Vielfalt in der EU und der damit verbundenen kulturellen Werte von besonderer Wichtigkeit. Nicht eben nur Sprachenlernen, sondern die Auseinandersetzung mit den kulturellen Eigenheiten seien es Geschichte oder Mentalität der verschiedenen europäischen Regionen ist ein wichtiger Schritt in Richtung Toleranz und somit hin zu Verständnis und einem gemeinsamen europäischen Bewußtsein. Doch welche Sprachen zwei sollten es mindestens sein soll man denn von den vielen europäischen Idiomen nun lernen, um den genannten Zielen am nächsten zu kommen? Englisch ist hier die erste Antwort, die dem Fragenden auf selbstverständliche Weise gegeben wird. Französisch und Spanisch folgen auf dem Fuße. Mit guten Argumenten im Sinne europäischer Vielfalt kann man jedoch auch Tschechisch und Polnisch anführen, die gerade in Hinsicht auf gute nachbarschaftliche Beziehungen und EU-Osterweiterung an Bedeutung zunehmen müssten. Ungeachtet dessen gilt Englisch als lingua franca des europäischen und gar globalen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Austausches. Viele begrüßen diese Entwicklung als das lang ersehnte Zusammenrücken der Menschen in allen Erdteilen oder als notwendigen Schritt in Richtung Weltgesellschaft. Doch vergessen sie, daß auch die Weltsprachen Latein und Französisch vor Jahrhunderten nur von einer bestimmten Gruppe von Menschen und damit exklusiv gesprochen wurden. Auch die heutige Dominanz des Englischen wurde nicht im Einvernehmen der Völker etabliert. Sie entwickelte sich aus der kolonialen Vorherrschaft Großbritanniens heraus und erreichte mit festen immanent legitimen wirtschaftlichen und politischen Hegemonialansprüchen den heutigen Status der lingua franca, den sie dem Namen nach als freie Sprache genau genommen also nicht verdient. Die Idee der internationalen Funktionssprache Esperanto, welche keiner der großen Sprachen den Vorzug geben und somit ein multikulturelles sprachliches Fundament legen sollte, scheint vergessen. Die lingua franca Englisch bringt indes viele Erscheinungen mit sich, die man heute kaum wahrnimmt. Natürlich verschafft sie den großen englischsprachigen Staaten USA und Großbritannien klare wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Vorteile (Amerikanisierung). Damit einher gehen kulturelle Umprägungen, die gerade in Deutschland groteske Auswirkungen haben. Man betrachte den Musikmarkt, der neben den Extremen schnulziger Schlagermusik als Volksmusik geradezu geadelt und dem englischen Durchschnittsgedudel im Radio nicht viel zu bieten hat. Weiter geht es mit dem inflationären Gebrauch von Anglizismen und von Deutschen erfundenem Denglisch (Handy). Das ganze endet in einem kulturellen Einheitsbrei, der mit europäischer Vielfalt nichts mehr zu tun hat und zudem politisch gerade aktuell den Blick in andere Kulturkreise westlich trübt. Warnende Stimmen werden generell in die anglophobe Ecke gestellt, obwohl sie die Lage oft durchaus differenziert und vor allem selbstkritisch einschätzen. Das bewußte Gegensteuern, wie es beispielsweise der Verein Deutsche Sprache (Motto Europa ist unser Haus, Deutsch unsere Sprache) versucht, wird als Deutschtümelei und Provinzialität abgetan. Der mit typisch deutscher Selbstverleugnung überwürzte amerikanisierte Einheitsbrei scheint jedoch keine Alternative für eine gefestigte europäische Identität und somit nicht im Sinne des eben zu Ende gegangenen Europäischen Jahres der Sprachen 2001 zu sein.
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