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Damit die Party zum Fest wird

Erlanger Geschichtsstudent leistet Anglizismen im Deutschen konstruktiven Widerstand

Zusammen mit Wiener das Wörterbuch „Engleutsch“ erarbeitet – Sprachgefühl statt -panscherei

von Holger Dreiseitl

(erschienen in den Erlanger Nachrichten am 14. August 2001 und in den Nürnberger Nachrichten am 6. Oktober 2001)

Hat die "Recharge-Formula" in den Vitamintabletten Nebenwirkungen? Und ist tatsächlich nur auf Draht, wer "online" sagt? Thomas Paulwitz studiert in Erlangen Geschichte und wollte eines Tages nicht mehr hinnehmen, was einer Umfrage zufolge knapp zwei Drittel seiner Mitbürger stört: Dass sich im Deutschen immer mehr englische Ausdrücke einschleichen.

Der Anteil englischer Begriffe in der gesprochenen Sprache wird derzeit auf rund zehn Prozent geschätzt. Besonders die Freizeitindustrie und die neuen Informationstechnologien überschwemmen uns mit Anglizismen: Da kommen Blockbuster im Free-TV, mit der Prepaid-Card fürs Handy kann man auch Short Messages schreiben und wer clever ist, loggt sich zum Mailen auf der Web-Site eines Freemail-Services ein.

Aus Ärger gehandelt

Dem Ärger über diese sprachliche Entwicklung hat Thomas Paulwitz Taten folgen lassen: Das "Volks-Wörterbuch Engleutsch" und die Zeitung "Deutsche Sprachwelt" sind mittlerweile Früchte seines konstruktiven Widerstands. Im Sommer 1998 traf Thomas Paulwitz auf einer Tagung den gleichgesinnten Wiener Ruheständler Stefan Micko. Gemeinsam verfolgten sie die damals geborene Idee, deutsche Alternativen zu der Masse an englischen Wort(miss)bildungen zu erarbeiten. Der Erfolg: Die Erstauflage des Wörterbuches "Engleutsch" konnte das fränkisch-wiener Duo gut 33 000 Mal unter die Leute bringen.

Engleutsch nennen die beiden alle Spielarten des Pseudoenglischen, das einfallslos übernommen wird, krampfhaft in die deutsche Grammatik gepresst (gedownloaded, designt) oder gleich von deutschen Zungen erfunden wird (Showmaster, Handy, Wellness). Ausdrücklich geht es Paulwitz um diese meist platten Fremdkörper, nicht um tatsächlich notwendige Lehnwörter. Doch die Grenze ist fließend: Die Jeans muss wohl nicht Nietenhose heißen und die midlife-crisis nicht Endjugendverwirrung.

Prallsack statt Airbag

Nach der Lektüre des Bandes überwiegt jedoch das Kopfschütteln über die oft gehörte Behauptung, das Deutsche sei einfach zu sperrig und unflexibel für heutige Anforderungen. Paulwitz beweist, spielerisch und ohne fanatischen Ernst, dass mit etwas Kreativität und Sprachgefühl der Airbag genauso gut Prallsack und die Inline-Skates auch Kufenroller heißen könnten. Die Party wird einfach wieder zum Fest und das Ticket zur Fahr-, Flug- oder Eintrittskarte. Deutsch hat eben auch Power, nein, Schwung!

Woran liegt es, dass unsere Muttersprache so sehr ins Hintertreffen gerät? Mangelnde Sprachloyalität, meint Paulwitz. Das bedeutet, dass den Sprechern eine positive Einstellung zur eigenen Muttersprache fehlt, mit der Folge, dass zum Beispiel das Englische – auch unbegründeter Weise – höher geschätzt wird. Neu ist dieses Phänomen nicht. Schon im 18. Jahrhundert klagte der Gelehrte J. G. Gottsched – damals über das Französische: "Das Lächerlichste ist, daß die deutschen Affen lieber die Sprachen ihrer Nachbarn verstümmeln und ihre Wörter radebrechen, als ihre eigene Landessprache rein und fertig reden zu wollen." Um dieser teilweise irrationalen Scheu vor dem Deutschen entgegenzutreten, müsse man vor allem das Bewusstsein für den Wert der Muttersprache stärken, erklärt Thomas Paulwitz das vorrangige Ziel seines Engagements.

Besonders wichtig ist ihm dabei auch "Gemeinsamkeit". Das heißt, er möchte sich nicht abgeschottet in einem kleinen Kreis für die Sprachpflege einsetzen. Deswegen waren alle Leser des Wörterbuchs aufgefordert, selbst Verbesserungsvorschläge für engleutsche Sprachpanschereien einzusenden.

Große Resonanz

Der enorme Widerhall des Aufrufs ermutigte die Macher: Hausfrauen, Universitätsprofessoren oder gar Politiker wünschten dem Projekt Erfolg, darunter auch der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Die Liste der Stichworte wuchs dadurch so gewaltig, dass im letzten Jahr eine stark erweitere 2. Auflage herausgebracht wurde, die nun rund 2500 Stichwörter enthält – aus dem Wörterbuch wurde ein Volks-Wörterbuch.

Der große Zuspruch war schließlich auch ein Grund für Thomas Paulwitz und seinen Partner ein weiteres Projekt zu verwirklichen: Die "Deutsche Sprachwelt", eine vierteljährlich erscheinende Sprachzeitung, von der mittlerweile die dritte Ausgabe erschienen ist. Auflage: um die 50 000 Stück. Auch hier blieb man dem Ansatz treu, ein für alle offenes Forum zu bieten: Jeder ist aufgefordert, Artikel und Leserbriefe einzusenden.

Das Ergebnis zeigt die vielfältigen Gründe, warum sich Menschen gegen die derzeitige Entwicklung stellen – von der Kritik an der Amerikanisierung bis hin zu Gedanken über die Identitätskrise der Deutschen an sich. Spätestens da wird deutlich, dass es bei der Sprachpflege eigentlich um sehr viel mehr geht als nur um Fremdwörter: In der Sprache spiegeln sich Zeitgeist, gesellschaftlicher Wandel wie auch Krisen. Neben dem Widerstand gegen Anglizismen ist zum Beispiel die Ablehnung der Rechtschreibreform zentrales Thema in der "Sprachwelt".

Mangel an Selbstbewusstsein

Aber sind all diese Bemühungen nicht nur ein aussichtsloser Kampf gegen die Windmühlen der Werbeindustrie und Konzerne? Ist die sprachliche Anpassung ans Englische nun mal der Preis dafür, um ein "global player" sein zu dürfen? Mit Sicherheit könnte auch die deutsche Sprache trotz Globalisierung ein selbstbewusster Mitspieler im Sprachenwettbewerb sein, so Paulwitz, wenn alle etwas mehr Kreativität, Offenheit und Feingefühl beweisen würden.

Feingefühl kannte man vor 200 Jahren übrigens noch nicht, sondern nur die französische Entsprechung "délicatesse". Dass "Feingefühl" für uns heute ganz selbstverständlich klingt, ist dem Einfallsreichtum und der Hartnäckigkeit der damaligen Sprachgesellschaften zu verdanken.

 

 
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