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Nachrichten von SEPTEMBER bis DEZEMBER 2002

Die Schlagzeilen im Überblick:

Gebt das Hanf frei? Stand Christian Ströbele unter Drogen? (03.12.2002)

Übersetzer für Kleinkindergebrüll erfunden (25.10.2002)

Gründer und Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache beurlaubt (25.09.2002)

Karl Heinz Bohrer erhält den Deutschen Sprachpreis 2002 (20.09.2002)

@ Gebt das Hanf frei? Stand Christian Ströbele unter Drogen?

03. 12. 2002 (pau) „Gebt das Hanf frei!“ Stand Christian Ströbele unter Drogen, als er diesen Satz aussprach? Sehen wir einmal ab von der Diskussion über die Freigabe vermeintlich harmloser „weicher“ Drogen: Muß er/es nicht DER Hanf statt DAS Hanf heißen? Ein Blick in den Duden zeigt: Von „das Hanf“ keine Spur. Auch die Suchmaschine „Google“ ist ratlos. Offenbar ist diese Hanf-Neutralisierung noch kaum einem aufgefallen.

Große Bekanntheit erreichte der Ausspruch Sröbeles, des einzigen direkt gewählten Bundestagsabgeordneten der Grünen – sicherlich waren unter den Stimmen auch einige von Kreuzberger „Hänflingen“ – dadurch, daß Fernsehkasper Stefan Raab ein Lied daraus machte. „Gebt das Hanf frei – und zwar sofort“ trällert das neue deutsche Liedgut landauf landab auf die Sprachgemeinschaft ein.

„Das Hanf“: ein Zeichen für den Niedergang der deutschen Sprache und Kultur? Vielleicht handelt es sich aber auch um eine sprachliche Vergenauerung, und mit „das Hanf“ ist die aufbereitete Droge gemeint, mit „der Hanf“ lediglich die Pflanze. Das wäre eine begrüßenswerte Sprachentwicklung, da die sprachliche Ausdrucks- und Unterscheidungsmöglichkeit zunähme: eine Bereicherung.

Eines steht allerdings fest: Durch die massenhafte Übertragung des Spruches „Gebt das Hanf frei!“ über die Medien wird nicht nur eine politische Forderung in nahezu alle Winkel des deutschen Sprachraumes getragen; es ist zu vermuten, daß es langfristig auch gewissermaßen zu einer Geschlechtsumwandlung des Hanfes führt und irgendwann nicht mehr von „der Hanf“ die Rede ist. Stefan Raabs Text ist der Schlager auf den deutschen Schulhöfen: „Gib mir mal das Hanf frei, dann kommen wir ganz entspannt an das Hanf ran“. Was einer ständig im Ohr hat, das spricht er eines Tages ohne Bedacht nach. Das gilt besonders für Liedtexte. Auf diese Weise hätte die sprachliche Übermacht der Massenmedien wieder einmal zur Verflachung der Sprache beigetragen.

Übrigens, wußten Sie, daß es im Deutschen nur fünf Wörter gibt, die auf -nf enden? Kommen Sie darauf? Zwei nannten wir bereits: Welches sind die anderen? Die Auflösung verrät Ihnen die DEUTSCHE SPRACHWELT schriftleitung@deutsche-sprachwelt.de. Wenn Sie sechs Wörter auf -nf wissen, schenken wir Ihnen ein Buch (Einsendeschluß: 20. Dezember 2002).

@ Übersetzer für Kleinkindergebrüll erfunden
25. 10. 2002 (pau) Pedro Monagas Asensio, ein spanischer Ingenieur, hat einen elektronischen Übersetzer für Kleinkindergebrüll entwickelt. Das berichten die „BBC News“. Damit sollen Eltern endlich das Geschrei ihres neugeborenen Nachwuchses deuten können. Ab Ende dieses Monats soll das Gerät für 95 Euro in spanischen Apotheken zu kaufen sein. Asensio berichtet, wie es zu seiner Erfindung gekommen ist: „Mein eigener Sohn Alex schrie ständig. Und nach zahlreichen Nächten ohne besonders viel Schlaf beschloß ich, auf ein Mittel zu sinnen, wodurch ich herausfinden könnte, was er mir sagen wollte – und sei es nur um meiner eigenen Gesundheit willen.“ Das batteriebetriebene Gerät, das Asensio daraufhin entwickelte, hat die Größe eines Mobiltelefons. Auf einer Anzeigentafel erscheint in Form von einfachen Gesichtssymbolen die Übersetzung. Ein lächelndes Gesicht mit geschlossenen Augen beispielsweise bedeute, daß das Kleinkind mit seinem Schreien ausdrücken wolle, daß es müde sei. Nach dreijähriger Entwicklungszeit biete das Gerät eine Zuverlässigkeit von 98 Prozent. Von Medizinern wird die Sinnhaftigkeit des Gerätes jedoch angezweifelt.

@ Gründer und Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache beurlaubt
25. 09. 2002 (dsw) Walter Krämer, Gründer und 1. Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache (VDS), hat sich selbst von seiner Vorstandstätigkeit beurlaubt. Das teilte er in einem Schreiben an „liebe Mitstreiter“ mit, das auf den 24. September datiert ist und heute der DEUTSCHEN SPRACHWELT zugespielt wurde. Lediglich Angelegenheiten des Kulturpreises und des Wissenschaftlichen Beirats werde er noch wahrnehmen. Alle anderen Aufgaben übernehme sein Stellvertreter Gerd Schrammen. Als Grund für seinen Rückzug gibt Krämer „berufliche Überlastung“ an. In seinem Rundbrief beklagt er sich darüber, daß sich das Amtsgericht Dortmund weigere, die in der Bautzener Delegiertenversammlung nach langer Diskussion beschlossene neue Satzung anzuerkennen, da sich Paragraphen widersprächen. Des weiteren erregt sich Krämer über eine Initiative der norddeutschen VDS-Regionalgruppen, die Anfang August verbreitet worden war. Die von diesen Gruppen beschlossenen „Verfahrensregeln für eine kooperative Zusammenarbeit im VDS“ fordern unter anderem, daß in den Vereinsmedien „keine Themen tabuisiert“ werden, daß sich Vorstand, Regional- und Arbeitsgruppen gegenseitig unterstützen sollen. In erster Linie geht es den VDS-Gruppen wohl um mehr Vereinsdemokratie: „Unkritische Gefolgschaft paßt nicht in den VDS“, schreiben sie und fordern eine Projektgruppe „zur Neuordnung der praktischen Vereinsarbeit“. Im Anhang zu den Verfahrensregeln, dem ein Entwurf von Professor Fritz Vilmar (Berlin) zugrundeliegt, werden die norddeutschen VDSler deutlicher: „Der Vorsitzende hat die Kritik und die eingehenden Vorschläge aus dem VDS nicht als ‘Querulantentum‘ oder gar als ‘unverschämt‘ zu disqualifizieren“. Krämer selbst gab in seinem jetzt bekanntgewordenen Rundbrief die „Abwesenheit jedweder Führungsvorgaben aus Dortmund“, wo Krämer wirkt, zu. Er beschimpfte jedoch seine Kritiker als „Vereinsmeier und Alt-68er, die es schon vor dreißig Jahren geschafft haben, die Kirchen leer zu predigen“. Was Walter Krämer mit seinem halben Rückzug bezweckt, ist unklar. Langjährige Beobachter des Vereinsgeschehens meinen, Krämer wachse der in wenigen Jahren auf 13.000 Mitglieder angewachsene Verein allmählich über den Kopf, der Verein habe sich durch viele innere Streitigkeiten erschöpft, die oftmals bis vor Gericht gingen. Ob der Verein es schafft, sich mit einem beurlaubten Vorsitzenden wieder auf seine eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren, bleibt abzuwarten.

@ Karl Heinz Bohrer erhält den Deutschen Sprachpreis 2002
20. 09. 2002 (dsw) Professor Karl Heinz Bohrer erhält heute den Deutschen Sprachpreis 2002, der von der Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der Reinheit der deutschen Sprache verliehen wird. Die Stiftung begründet ihre Entscheidung, den Literaturwissenschaftler und Essayisten auszuzeichnen, so: „Aufgrund seiner profunden Kenntnis der europäischen Literatur begründet Karl Heinz Bohrer in großangelegten vergleichenden Studien die Eigenständigkeit der Literatur gegenüber ihrer medialen, aber auch philosophisch-zeitgeistigen Vereinnahmung. Damit gibt er der ästhetischen Dimension, der Kunst der Sprache und des Stils wieder den ihr gebührenden Rang.“ Bohrer („Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk“) gibt seit 18 Jahren die Monatsschrift „Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ heraus. In dieser Zeit habe er sie zu einem hochangesehenen Forum für alle Fragen unseres geistigen und gesellschaftlichen Lebens weiterentwickelt. „Bohrers skeptisch-provokanten Stellungnahmen – vor allem im 'Merkur' – zu allen gutmenschlichen Facetten deutscher Nachkriegsbefindlichkeit reflektieren stets die europäische Sicht; und daraus ergibt sich seine Forderung, daß wir Deutsche endlich selbstbewußt unsere eigene Sprache und Kultur schätzen und pflegen müssen.“

 
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