@ Das Weltnetz als Rettung für das Sardische 26. 04. 2001 (din) Das muß wohl ein Mißverständnis der Ursprünge und Absichten gewesen sein, als einige Modernisten meinten, das Weltnetz führe sanft zur englisch definierten Multikultur mit gleichförmigen Merkmalen von Kultur und Sprache. So erlebt das Sardische, die Sprache der Alteinwohner Sardiniens, durch ein Netzangebot an der Kölner Universität eine unerwartete Belebung: www.spinfo.uni-koeln.de/mensch/sardengl.html Guido Mensching, Professor für Romanistik an der Freien Universität Berlin hatte schon in den Frühzeiten des Netzes um 1994 erstmals ein solches Angebot verfügbar gemacht. In diesem Forum können Beiträge in Sardisch eingestellt werden, ebenso Gedichte und Erzähltraditionen. Zugleich mit den Texten, so Mensching, werde über darin vermittelte Inhalte und Anschaungen auch die sardische Kultur gepflegt. Das Weltnetz und seine technischen Möglichkeiten bieten hierbei besondere Hilfestellung. So sind Bemühungen zur Pflege einer übersehenen Minderheitensprache sonst abhängig von der Initiative Einzelner. Die sardische Schriftstellerin Grazzia Deledda hatte Ende des 19. Jhs. bereits einen solchen Versuch unternommen, erhielt jedoch auch von ihren Landsleuten keine Unterstützung und siedelte resigniert nach Rom um, wo sie fortan in Italienisch publizierte. Indem das Weltnetz ein Forum für alle ist, können nun auch Menschen Beiträge leisten, die sonst die publizistische Mühe scheuen oder keine entsprechenden Kontakte, Beziehungen oder bekannte Namen haben, die gewerblich orientierte Verlage interessieren. Für das Sardische hat dies auch deshalb besondere Bedeutung, da es als Frühsprache, die seit der Antike von anderen dominanten Kulturen überlagert wurde, nie zur Schriftform gelangte. Ohne ihre Dokumentation in Angeboten wie der von Mensching bestünde die Gefahr, daß ein Stück Vielfalt des Weltkulturerbes verloren geht.
@ Niederländisches Gesetz zwingt mit Geldstrafen zum Erlernen der Landessprache
20. 04. 2001 (jwk) Positive Zwischenbilanz: 1998 trat in den Niederlanden das Gesetz über die Integration von Neuankömmlingen in Kraft. Es besagt, daß alle Zuwanderer, die seit dem 30. September 1998 in die Niederlande kommen, an einem Integrationsprogramm teilnehmen müssen. Hier sollen sie mit der niederländischen Sprache, Arbeitswelt und Gesellschaft vertraut gemacht werden. Das Ziel ist nicht die Einbürgerung, sondern die Fähigkeit zur Selbsthilfe. Verweigert ein Neuankömmling die Mitarbeit, greifen Sanktionen von der Kürzung der Sozialhilfe bis zur Geldbuße. Die Behörden halten sich aber bei der Verhängung von Strafen zurückhaltend. Das Gesetz hat einen derartigen Erfolg, daß die niederländische Regierung offenbar nicht mehr mithalten kann. Der Integrationswunsch vieler Ausländer überfordert die Behörden. Die Absicht, nun auch die Altankömmlinge der ersten und zweiten Zuwanderergeneration in die Kurspflicht zu nehmen, erfordert erhebliche finanzielle Mittel, von denen im Moment noch niemand weiß, wie sie zu tragen sind. Doch niemand kapituliert vor diesem Ansturm. Das Integrationsministerium der Niederlande ist zuversichtlich, die Warteliste für Sprachkurse bald abbauen zu können. Wir sind lange nicht zufrieden, aber wir kommen voran, so ein Sprecher des Ministeriums. Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, die Grünen-Politikerin Marieluise Beck, hat sich nachdrücklich gegen Integrationskurse für Zuwanderer ausgesprochen. Begründung: mangelnde Angebote und fehlende rechtliche Rahmenbedingungen.
@ Mangelhafte Deutschkenntnisse bei Lehrlingen
18. 04. 2001 (jwk) Nach einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Pfalz mußten über 50 Prozent der Ausbildungsbetriebe bei den Bewerbern auf Ausbildungsplätzen erhebliche Defizite in Deutsch und Mathematik feststellen. Der größte Ausbilder im Bereich der IHK, die Ludwigshafener BASF AG, konnte den Mangel an Wissen durch Zahlen belegen. Im Rahmen von Eignungstests hatten 1975 von den Ausbildungsplatz-Bewerbern mit Realschulabschluß weniger als 25 Prozent Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung. Im Jahr 2000 stieg der Anteil auf etwa 40 Prozent. Die Leistungen in Mathematik lagen im gleichen Bereich. Das Problem ist nicht neu, zieht sich quer durch unser Land und betrifft neben den Ausbildungsbetrieben von Industrie und Behörden auch die Universitäten. Abhilfe kann nach Meinung von Fachleuten nur eine andere Gewichtung der Lehr- und Lernschwerpunkte bringen. Und das sei Aufgabe der Politik.
@ Welttag des Buches
17. 04. 2001 (jwk) Am 23. April findet der Welttag des Buches statt. Er steht heuer unter dem Motto Bücher aus aller Welt. Schirmherr ist Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Buchhandlungen und Büchereien veranstalten an diesem Tag Lesungen, kleine Ausstellungen und ein Gewinnspiel rund um Jules Vernes Reise um die Welt in 80 Tagen. Hierbei gibt es neben einer Reise in einem Heißluftballon illustrierte Atlanten, Jules Vernes Roman und besondere Welttags-Wasserbälle des zu gewinnen. 1995 wurde auf Antrag der Region Katalonien der 23. April von der UNESCO zum Welttag des Buches erklärt. Seinen Ursprung hat er in einer katalonischen Tradition. Zum Namenstag des Volksheiligen Sankt Georg schenken sich die Menschen in der Region um Barcelona seit Jahren Rosen. Auf Initiative der Buchhändler werden seit 1923 auch Bücher verschenkt, allein 1995 vier Millionen Exemplare an einem Tag. Der 23. April ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Schon 1771 hatte Goethe einen Gedenktag für Shakespeare gefordert. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß die Idee eines Welttages des Buches in vielen Ländern begeistert aufgegriffen wurde. Besonders aktiv sind jedes Jahr die Niederlande mit den Weißen Buchwochen und Großbritannien mit dem World Book Day. In Deutschland beteiligten sich im letzten Jahr neben zahlreichen Verlagen auch über 4.000 Buchhandlungen und Bibliotheken mit eigenen Aktionen am Gelingen des Welttags des Buches.
@ Sprache prägt das Denken
16. 04. 2001 (din) Trefflich spekulieren läßt sich zu der Frage, ob der Spracherwerb beim Heranwachsenden geleitet wird von einer bereits vorhandenen Urlogik im Gehirn, wie dies der bekannte Sprachwissenschaftler Noam Chomsky annahm, oder ob vielmehr die innere Logik einer Sprache während des Erwerbs diese logischen Strukturen erst prägt und ausbildet.
Im zweiten Fall wäre die logische und formale Güte einer Sprache ohne Wirkung auf die Entwicklung der menschlichen Denkfähigkeit. Die Lernenden würden dann die von der Umwelt aufgenommene Sprache lediglich mit Hilfe der angeboren vorhandenen Denksystematik integrieren.
Im ersten Fall würde jedoch das Niveau ihrer Denksystematik abhängen von der formallogischen Qualität der während des Heranwachsens aufgenommenen Sprache. Die Altphilologen hätten dann Recht, die etwa dem streng systematischen Latein als Schulfach eine grundsätzlich positive Wirkung zuschreiben für die Entwicklung formallogischer Qualitäten, die sich auch in anderen Fachbereichen wie der Mathematik zeige.
Die Assistenzpsychologin Rebecca Gomez von der John Hopkins University/USA trug auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science nun ihre Deutung vor, die sie aus Tests mit 18 Monate alten Kleinkindern noch ohne Sprachfähigkeit entwickelte. In Wiederholungstraining wurden ihnen Wörter in fester oder wechselnder Kombination vorgesprochen. Ihre Hör-Reaktion sollte Aufschluß darüber geben, wie sie auf die unterschiedliche Systematik reagieren. Es wurden willkürlich und sinnlos lautenden Wörter verwendet, um sicherzustellen, daß bei diesem Versuch keine Einflüsse aus vorhandener Sprachwahrnehmung wirksam werden. Die Trainingsphase sollte eine feste Kombination von zwei gleichen Lautworten bei einem drittenvariablen einprägen. In der folgenden Testphase wurden sowohl systematische wie unsystematische Höreindrücke mit diesen Wortlauten vermittelt.
Gomez beobachtete, daß die Aufmerksamkeit der Kinder in der Testphase mit unsystematischen Wortlauten größer war als bei den systematischen aus der vorangegangenen Lernphase. Folglich mußten die Kinder diesen Unterschied erkannt, also auch die damit verbundene logische Struktur erworben und gespeichert haben. Das bedeutet, daß die in einer Sprache wirkende Systematik und Logik formalbildend bei der Entwicklung des menschlichen Denkens wirken könnte. Die unterschiedliche formale Güte von Sprachen könnte also durchaus mehr oder weniger förderlichen Einfluß haben auf die Ausprägung der intellektuellen Fähigkeiten bei Heranwachsenden.
@ Netzanschriften mit Sonderzeichen Abzockerei?
12. 04. 2001 (jwk) Seit März 2001 bieten einige US-amerikanische und asiatische Unternehmen die Registrierung von Netzanschriften (.com, .net, .org) mit Umlauten, Akzenten und anderen einzelsprachlichen Sonderzeichen an. Für 25 bis 35 US-Dollar pro Jahr können zum Beispiel deutsche Nutzer www.kätzchen.de oder französische www.école.fr reservieren lassen. Eine wunderbare Sache, wenn ja wenn mehrsprachige Netzanschriften verstanden würden. Solange die Programme zur Erkennung dieser Namen aber nicht weiterentwickelt und auf allen entsprechenden Dienstrechnern angewandt werden, solange bleibt das ein Wunschtraum. Es ist nicht nur ein technisches Problem, sondern zieht vor allem erhebliche wirtschaftliche Folgen nach sich (wer verdient wieviel woran?). Daher wird die Lösung wohl noch eine Weile auf sich warten lassen. Bis dahin sollte man die Finger davon lassen und die 25 bis 35 US-Dollar in etwas Nützlichem anlegen.
@ Sammelstelle für erfundene Wörter
06. 04. 2001 (jwk) Kennen Sie Wörter aus dem deutschsprachigen Raum, die außerhalb Ihrer Familie oder Ihrer Gruppe keiner kennt? Wörter, die in keinem Wörterbuch oder Lexikon zu finden sind? Dann schauen Sie sich einmal die Netzseite www.worterfindung.de an. Hier werden genau diese Begriffe gesucht und gesammelt. Wenn Sie der Meinung sind, auch andere Menschen sollten Ihre interne Sprache verstehen, schicken Sie Ihre Wörter an www.worterfindung.de und machen Sie mit am Aufbau eines „Wörterbuches der selbsterfundenen Wörter“.
@ Wissenschaftler erforschte Manipulation öffentlicher Wahrnehmung 06. 04. 2001 (din) Die Wechselwirkung zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung erhellt ein neuer Beitrag von Ted Swedenburg, Anthropologie-Professor an der University of Arkansas in Fayetteville/USA beim Treffen der American Anthropological Association in San Francisco. Er bezieht sich dabei auf einen Vorgang in Ägypten 1997, wo nach einem Heavy-Metal Rockkonzert 80 Jugendliche wegen Verdachts auf satanistische Aktivitäten verhaftet wurden. Schwedenburgs Recherche in einem Presse-Archiv bestätigte, daß diesem Vorfall hunderte von Zeitungsartikeln vorangegangen waren, in denen detailreich der Horror vor Satanismus beschworen wurde. Zugleich wurden regelrechte Täterbeschreibungen mitgeliefert, wie solche Satanisten äußerlich erkennbar seien, so anhand von Kleidung und Haarschnitt.
Obwohl die Verhafteten mangels konkreter Straftaten wieder freigelassen wurden, blieben die Nachwirkungen. Eltern verboten ihren Kindern weiteren Kontakt zu dieser Musik-Szene, nahmen entsprechende Medien fort und zwangen sie zur Änderung ihrer äußeren Erscheinung. Furcht vor jener in den Zeitungen beschworenen kulturellen Gefahr und vor der Bedrohung des Islam sind seitdem Thema in der ägyptischen Öffentlichkeit geblieben. Man mag fragen, wo man selbst vergleichbare Vorgänge bei uns sehen könnte, wenn das Merkmal Satanismus durch eher politisch definierte Merkmale und damit verbundene äußere Erscheinungsbilder ersetzt wird. Schwedenburgs Hinweis zu den ägyptischen Vorgängen ist auch, daß jenes Furchtbild keine reale Verbindung zum befürchteten Gegenstand selbst aufwies. In der betreffenden Musikszene hatte es weder schwarze Kerzen noch Sex-Orgien oder satanische Riten gegeben, wie die dortige Presse jedoch behauptet hatte.
Im Blick auf Ursache und Wirkung stellt dies auch die Frage danach, ob unsere publizistischen Medien öffentliche Meinung oder veröffentlichte Meinung im Sinne gefilterter oder gar verzerrter Wahrnehmung durch Interessengruppen sind. Damit verbunden ist ebenso die Frage nach der Sprache. Wenn sich etwa die Rechtfertigung für Anglizismen als angeblich faktischer Zustand unserer Sprachentwicklung stützt auf den Sprachstand, wie er uns in Medienberichten und Werbung begegnet, und wenn es so ist, daß Landessprache das ist, was alle sprechen und nicht nur ein Netzwerk bestimmter Berufsgruppen, dann entstehen Zweifel an dieser Rechtfertigung.
@ Duden leidet unter Braindrain: Wörterbuch der New Economy 04. 04. 2001 (jwk) Worauf wohl alle gewartet haben und was uns wirklich gefehlt hat, bringt jetzt der Dudenverlag heraus. Zusammen mit dem Trendbüro Hamburg hat der Verlag rund 1.000 Wörter der Neuen Ökonomie zusammengestellt und in sechs Hauptkapitel unterteilt: „E-Conomy“, „Work-Culture“, „Stock-Exchange“, „New Marketing“, „Knowledge-Management“ und „Life-Sciences“. Bezeichnend für dieses Buch ist der Untertitel, den Duden auf seiner Netzseite benutzt: „Braindrain der Work Culture“. Laut Langenscheidts Großem Schulwörterbuch Englisch-Deutsch von 1987 gibt es „Braindrain“ in dieser Schreibweise nicht. „Brain drain“ getrennt geschrieben heißt „Abwanderung von Wissenschaftlern“. „Brain“ bedeutet „Gehirn“ oder „Verstand“. „Drain“ kann man mit „Abfluß“ oder „Abflußrohr“ oder als Verb mit „trockenlegen“ oder „entleeren“ übersetzen. Das Volks-Wörterbuch Engleutsch? Nein danke! hilft: Braindrain: Geistschwund, (West-)Abhirnung, Köpfe-rollen gegen-Westen (Abwanderung von Wissenschaftlern, vornehmlich in die USA). Was bedeutet nun Braindrain der Work Culture?